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Canon MP-E 65: Das Lupenobektiv

MP-E in Arbeitsstellung für 1× Vergrößerung
MP-E in Arbeitsstellung für 5× Vergrößerung

Seit langem hat Canon ein "Lupenobjektiv" für seine EOS-Modelle im Programm. Man findet allerdings wenig Informationen darüber, wie es funktioniert und was es genau kann. Ich bin auf der Suche nach einem Objektiv für Makros darauf gestoßen und mein freundlicher Fotohändler hat es mir über's Wochenende geliehen - so entstand dieser Bericht.

Bedienung

Das Lupenobjektiv schließt sich mit einem Vergrößerungsmaßstab von 1:1 bis 5:1 nahtlos an andere Makroobjektive an, die bis zum Maßstab 1:1 angeboten werden.

Es wird mit einer variablen Vergrößerung von 1× bis 5× angegeben, dies bedeutet aber nicht, dass es ein Zoom-Objektiv ist. Mit dem Vergrößerungsring stellt man lediglich die Entfernung zwischen Sensor/Film und Frontlinse ein und damit den Vergrößerungsfaktor. Die Arbeistweise ist also mehr mit einem Balgengerät vergleichbar.

Um das Objekt dann scharf zustellen, bewegt man die Kamera so lange hin und her, bis im Sucher die Abbildung scharf erscheint, d.h. den von normalen Objektiven bekannten Fokussierring sucht man vergebens. Das Objektiv besitzt eine Blende, die über die Kamera zwischen 2,8 und 16 vorgewählt werden kann.

Während man mit normalen Makroobjektiven auch Objekte in unendlicher Entfernung fokussieren kann, ist beim MP-E nur im Bereich bis 31,3 cm (Abstand Sensor-Objekt) möglich, ein Verhalten, dass für Normalobjektiv-Benutzer vermutlich ungewöhnlich erscheint, aber so von einem Mikroskop bekannt ist.

Auch wenn der Tubus im Durchmesser vom Canon-Bajonett bestimmt wird, beträgt der Durchmesser des sichtbaren Teils der Frontlinse nur etwa 19 mm. Bei Vergrößerungen oberhalb von 3× macht sich deutlich der Lichtverlust (durch die Auszugsverlängerung) des Objektivs bemerkbar. Zusätzlich ist das Objekt so nahe vor dem Objektiv, dass immer weniger Licht aus der Blickrichtung des Objektivs auf das fokussierte Objekt trifft.

Voraussetzungen

Mit seinem Vergrößerungsfaktor von 1×…5× steht das MP-E zwischen normalen Makroobjektiven mit den üblichen Komfortfunktionen (Autofokus, Belichtungsautomatik) und Abbildungsmaßstäben von bis zu 1:1 einerseits und Mikroskopen andererseits.

Um mit dem MP-E gute Ergebnisse zu erzielen, sollten -vor allem bei häufigem Gebrauch- einige Punkte berücksichtigt werden, um schnell zu guten Bildern zu kommen:

Tiefenschärfe

Wie nicht anders zu erwarten, ergibt sich bei der kleinsten Blende die größte Tiefenschärfe. Dabei ist bei digitalen Kameras besonders auf die Sauberkeit des Sensors zu berücksichtigen, da sich Staub auf dessen Oberfläche bei Blende 16 besonders gut abzeichnet. Eine Tabelle der Tiefenschärfe befindet sich bei den technischen Daten.

Mit zusätzlicher DFF-Software (Deep Focus Fusion) kann in der Nachbearbeitung der Schärfebereich aus mehreren Aufnahmen durch Zusammensetzen erweitert werden.

Komfort

Was den Komfort betrifft, ist das Objektiv in zwei Punkten hinter dem Stand der hauseigenen Technik zurück:

Bei mehr als 4× Vergrößerung ist das Objektiv so nahe vor dem Objekt, dass eine vernünftige Beleuchtung (z.B. durch eine Ringleuchte) schwer wird (Abstände können in den technischen Daten nachgelesen werden). Schön wäre es, wenn Canon für dieses Problem eine Art Objektivkappe mit einem Loch (Ø der Frontlinse) und Filtergewinde mitliefern würde, die auf der Außenseite weiß oder mattsilber, vielleicht auch in der Art eines Kegels ohne Spitze geformt ist. Damit könnte man die sonst schwarze Fläche um die Frontlinse herum als zusätzlichen Reflektor nutzen.

Einsatzbereich und Zielgruppe

Die oben beschriebenen Voraussetzungen zeigen, dass der Einsatzbereich des MP-E auf das Studio beschränkt ist.

Einem (technischen) Sachverständigen, der beispielsweise Schadenanalysen beweiskräftig dokumentieren muss, fällt die Entscheidung für das MP-E sicher leicht, da er es als weiteres Objektiv in seinen bestehenden digitalen Workflow einbeziehen kann, vor allem, wenn ein Mikroskop nicht vorhanden ist.

Wer als Juwelier filigrane Preziosen ablichten möchte, ist mit dem MP-E ebenfalls bestens bedient. Da das MP-E auch die eventuell nicht ganz gelungenen Ecken eines Meisterstückes dokumentiert, sind Erfahrungen im Umgang mit einer elektronischen Bildverarbeitung empfehlenswert.

Weitere Anwendungsbereich dürften sich beispielsweise in der Mineralogie oder bei Fossilien finden.

Wer mit Kameras im Studio arbeitet, der kann mit dem MP-E seinen Workflow unverändert beibehalten. Wer außerhalb eines Studios arbeiten möchte, dem wird das MP-E gegenüber den üblichen Makro-Objektiven mit Autofokus, Belichtungsautomatik und detaillierter Protokollierung in den EXIF-Daten umständlich und hinsichtlich der Bildschärfe als zufällig erscheinen, denn natürlich vergrößert das MP-E nicht nur das Objekt, sondern auch das Wackeln des Fotografen oder Bewegungen des Objekts.

Fazit

Das MP-E ist ein Objektiv für Spezialisten. Von Schönwetterknipsern (wie ich), die aus der Hand oder höchstens mit einem Einbein fotografieren wollen, verlangt das Objektiv zu viel Aufmerksamkeit und Zeit für ein Bild, daneben sollten die Motive stillhalten.

Für Spezialisten und Makrofreunde mit entsprechender Geduld und Sorgfalt ist es dagegen eine gute Investition, zumal es für EOS-Nutzer die Möglichkeiten der Fotografie in einen Bereich erweitert, den andere Hersteller nicht einmal anbieten.

Aber eine kleine technische Überarbeitung hinsichtlich des Komforts dürfte Canon seinem MP-E schon gönnen.